Gesundheitskompetenz Früher und Heute – Folge 4

, , ,

Von Prof. Dr. Karin Kraft

Die Motivation für diesen Artikel waren zwei Fragen, die sich aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre ergeben haben, nämlich 1. Was sind die Hintergründe für den großen Erfolg der Naturheilvereine Anfang des letzten Jahrhunderts? Und 2. Warum nimmt das Interesse der Bevölkerung an Naturheilvereinen in den letzten Jahren plötzlich so stark ab?

Die Konkurrenz der Naturheilvereine zu Anfang des 10. Jahrhunderts

Hintergrund des großen Wachstums der Naturheilvereine in dieser Zeit war somit die starke Zunahme der allgemeinen zivilisationskritischen Lebensreformbewegung. Natürlich kam es innerhalb der Naturheilvereine und des Naturheilbundes deshalb immer wieder zu Abspaltungen und Differenzen. So suchten Menschen verschiedener politischer Richtungen, insbesondere die im Deutschen Reich wenig geschätzten Sozialisten hier ein neues Betätigungsfeld. Andere Mitglieder forderten eine Öffnung und Erweiterung des Naturheilgedankens gegenüber den verschiedenen Strömungen der Lebensreformbewegung. Die Konkurrenz wuchs ebenfalls, z. B. durch die Kneippvereine, die eine ähnliche Zielrichtung hatten, aber durch andere Vereine, die sich bestimmter Anteile der Lebensreformbewegung gezielt annahmen. Zudem nahm die Anzahlen der Zeitschriften mit verwandten Themen sowie der Gesundheitsschriften und -bücher, anhand derer man sich auch unabhängig von einer Mitgliedschaft im Verein informieren konnte, stetig zu. Wie es weitergegangen wäre, wenn nicht der erste Weltkrieg ab 1914 zum Verlust von zahlreichen Mitgliedern und infolge der zunehmenden massiven Verschlechterung der allgemeinen Lebensumstände problematisch werdenden Vereinstätigkeit zur Auflösung etlicher Vereine geführt hätte, ist schwer zu sagen. Auch viele Naturheilanstalten mussten in dieser Zeit geschlossen werden.

Kurzer Abriss der Entwicklung der Naturheilvereine bis zur Jahrtausendwende

Die Entwicklung nach Ende des ersten Weltkrieges bis heute soll nur sehr kurz dargestellt werden. Ab Mitte der 1920er Jahre blühte die Naturheilbewegung in der Weimarer Republik wieder auf. Das ist wohl großenteils auf die sehr schlechten Lebensbedingungen und den dadurch bedingten miserablen Gesundheitszustand eines großen Teils der Bevölkerung zurückzuführen. Zugleich bot die immer offenkundiger werdende Krise der universitären Medizin nur wenige wirksame Lösungen an. Daher gab es auch sehr viele unseriöse Heilsversprechen durch nicht approbierte Heilkundige und esoterische Gesellschaften. Im Nationalsozialismus (ab 1933) wurden die Naturheilverfahren bekanntlich schleichend instrumentalisiert, um die Volksgesundheit in Vorbereitung auf den geplanten Krieg zu steigern. Die scheinbare Wertschätzung der Naturheilverfahren durch Regierungsorgane wirkte sich schon anfänglich kaum förderlich auf die Vereinstätigkeit aus. Spätestens ab 1939 wurden die Vereine dann zunehmend gleichgeschaltet, d. h. die Naturheilbewegung wurde ideologisch auf den Nationalsozialismus ausgerichtet. In Kombination mit den zunehmenden Auswirkungen des zweiten Weltkriegs nahmen die Vereinsaktivitäten in der Folge immer weiter ab.

Nach dem zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands waren Vereine in der Deutschen Demokratischen Republik ganz allgemein unerwünscht und wurden durch parteigesteuerte Organisationen ersetzt. Nur wenige Naturheilverfahren wurden als Teil der Staatsmedizin geduldet. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Expansion der Wirtschaft, z.B. der Pharmaindustrie, massiv vorangetrieben, um durch den dadurch bedingten wachsenden Wohlstand ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu errichten. Der Deutsche Naturheilbund wies in seinen Schriften zwar schon seit den frühen 1960er Jahren sehr kompetent z. B. auf die fatalen Folgen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit durch den breiten Einsatz von Insektiziden und Düngemitteln seit Mitte der 1940er Jahre hin und setzte sich zudem für eine gesündere Ernährung ein, die bestehenden Vereine hatten aber nur geringe Mitgliederzahlen.

Erst ab den frühen 1970er Jahren nahm die breite Öffentlichkeit allmählich wahr, dass die Häufigkeit von Herzkreislauferkrankungen und Krebs trotz des inzwischen eingetretenen durchaus beachtlichen medizinischen Fortschritts massiv anstieg. Zugleich hatte sich die ärztliche Versorgung im ambulanten Bereich in den zurückliegenden Jahren immer weiter verschlechtert, die ländlichen Regionen waren in vielen Teilen der BRD stark unterversorgt. In dieser Situation nahm das Interesse der Bevölkerung an der Naturheilkunde, insbesondere an einer gesunden Ernährung, wieder zu. Die Verbesserung der in den vorangehenden Wohlstandsjahren stark veränderten Ernährungsgewohnheiten geriet so in den Fokus, und zwar Jahrzehnte, bevor die universitäre Medizin sich dieser Thematik zuwandte. Zunehmend befassten sich die Naturheilvereine auch mit außereuropäischen Verfahren der traditionellen, insbesondere der chinesischen und indischen Medizin, aber auch mit esoterischen Methoden. Die Zahl der Vereine und die Mitgliederzahlen erreichten um das Jahr 2000 einen neuen Höhepunkt.

Den kompletten Artikel finden Sie hier