Gesundheitskompetenz früher und heute – Die entscheidende Rolle der Naturheilvereine Folge 3

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Von Prof. Dr. Karin Kraft
Der Bericht wird in mehreren Folgen in den Impulsen abgelichtet werden. Die Motivation für diese Artikelserie waren zwei Fragen, die sich aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre ergeben haben, nämlich: 1. Was sind die Hintergründe für den großen Erfolg der Naturheilvereine Anfang des letzten Jahrhunderts? Und 2. Warum nimmt das Interesse der Bevölkerung an Naturheilvereinen in den letzten Jahren plötzlich so stark ab?

GRÜNDUNG UND ENTWICKLUNG DES DACHVERBANDES
Es würde zu weit führen, hier die wechselvolle Geschichte aufzuführen, die schließlich im Jahr 1888 zur Gründung des „Deutschen Bundes der Vereine für Gesundheitspflege und arzneilose Heilweise“ führte, der sich ab 1900 „Deutscher Bund der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ nannte. Im Jahr 1889 bestand er aus 142 Vereinen mit insgesamt über 19.000 Mitgliedern, um die Jahrhundertwende hatte er knapp 100.000 Mitglieder in 776 Vereinen, im Jahr 1913 betrug die Zahl der Naturheilvereine 885 mit insgesamt ca. 150.000 Mitgliedern. Das Publikationsorgan wurde 1889 „Der Naturarzt“, der schon seit seinem Bestehen auch im Buchhandel erhältlich war. Dessen Auflage betrug im Jahr 1890 35.000, im Jahr 1899 112.000 und im Jahr 1914 schließlich 160.000 Stück. Dass diese Erfolge den Widerstand vor allem bei approbierten Ärzten hervorriefen, die nicht nur an den als Naturarzt qualifzierten Kollegen und deren Tätigkeit Anstoß nahmen, sondern vor allem an den Hunderten von medizinischen Laien, die durch die Naturheilvereine ausgebildet und in deren Sinne anschließend oft auch tätig wurden, ist leicht nachvollziehbar. Wieso brauchte es aber doch fast 100 Jahre bis 1900, bis die sehr fortschrittlichen Ideen in breiten Bevölkerungskreisen Fuß fassten, und weshalb wurde ausgerechnet Sachsen zum Zentrum der naturheilkundlichen Vereinsbewegung im Deutschen Reich?

DIE HINTERGRÜNDE DER LEBENSREFORMBEWEGUNG 
Ab Anfang des 19. Jahrhunderts entstand im deutschsprachigen Kulturraum aus dem anfänglich erwähnten naturphilosophischen und dem zivilisations- und industrialisierungskritischen Ideengut eine aus verschiedenen Anteilen bestehende, sich allmählich verstärkende Strömung, die sich schließlich ab den 1880er Jahren als Lebensreformbewegung etablierte. Sie wurde vor allem vom Bildungsbürgertum getragen, das sich durch die Gründung von Vereinen zunehmend vom feudal aufgestellten Deutschen Bund emanzipierten wollte. Diese Aktivitäten wurden nach Möglichkeit systematisch unterdrückt, selbst wenn sie primär unpolitisch waren wie z. B. die Naturheilbewegung, die einen Teil der Lebensreformbewegung darstellt. Die sozialen Folgen der im 18. Jahrhundert beginnenden Industrialisierung erzwangen jedoch den Abschied vom agrarisch begründeten Feudalsystem. Im 19. Jahrhundert vergrößerten sich allmählich die Städte, denn hier wurden Manufakturen gegründet, die teilweise die traditionellen Handwerksbetriebe ablösten, und Industriebetriebe aufgebaut, die Arbeitskräfte benötigten. Da die Arbeitsbedingungen auf dem Land sehr hart waren, weil es noch keine Mechanisierung im Bereich der Landwirtschaft gab, und die meisten Menschen dort in großer Armut lebten, weil sie Zweitgeborene waren und deshalb keinen Anspruch auf ein Erbe hatten, setzte vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Landflucht ein. Das Leben dieser Menschen, die in den Manufakturen und Industriebetrieben arbeiteten, war gekennzeichnet durch lange Arbeitszeiten (bis zu 12 Stunden von Montag bis Samstag), fehlende Maßnahmen des Arbeitsschutzes einschließlich des Mutterschutzes, Kinderarbeit, Hungerlöhne, überbelegte Mietwohnungen mit mangelhaften hygienischen Verhältnissen, schlechte und falsche Ernährung (fehlende Frischkost wegen logistischer Probleme), hohe Geburtenraten bei häufigen Fehlgeburten, Alkoholmissbrauch, starkes Rauchen, schlechte Luftqualität durch Hausbrand (schwefelhaltige Kohle) und Industrieabgase. Die Menschen litten häufig unter Infektionskrankheiten (insbesondere Geschlechtskrankheiten
und Tuberkulose), Seuchen und Folgen der Rachitis. Diese Missstände hatten große gesundheitliche und soziale Folgen (Auflösung von familiären Strukturen, hohe Kindersterblichkeit, allgemein geringe Lebenserwartung, Prostitution, Anstieg der Kriminalität etc.). Die Ärzte hatten aus heutiger Sicht kaum diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, die PatientInnen aus der Arbeiterklasse konnten zudem die Honorare kaum bezahlen. Aber auch die Lebensumstände des an Bedeutung immer mehr zunehmenden Mittelstandes, zu dem auch die Beamten gehörten, waren sehr ungesund. Zwar konnten sie sich größere Wohnräume leisten, aber die hygienischen Verhältnisse waren ebenfalls unzureichend. Das erste moderne Kanalisationssystem auf dem europäischen Festland entstand z. B. erst ab 1856 in Hamburg infolge einer Choleraepidemie. Erst ab 1880 gab es erste Badewannen in luxuriösen Privathäusern. Hinzu kam, dass die reicheren Bürger versuchten, den Lebensstil der im Deutschen Reich immer noch privilegierten Aristokratie nachzuahmen. Das führte zu kostspieligen und unsinnigen Repräsentationszwängen und zu starren gesellschaftlichen Regeln, unter denen vor allem die Frauen und Kinder litten. Zudem war die allgemeine Unwissenheit bei Gesundheitsfragen groß, weil derartigen Kenntnissen kaum von Bedeutung zugemessen wurde, solange die Landesfürsten der Staaten des Deutschen Bundes aus der infolge der naturnahen Lebensumstände relativ gesunden Landbevölkerung immer wieder ausreichende Anzahlen von gesunden jungen Männern als Soldaten rekrutieren konnten. Als das Deutsche Reich als föderale, konstitutionelle Monarchie im Jahr 1871 gegründet wurde, konnten die hier aufgeführten Probleme jedoch nicht mehr unterdrückt und geleugnet werden. Die beschleunigte Wandlung vom Agrar- zum Industriestaat war unvermeidlich. Infolge der bislang fehlenden und nur mühsam gegen Widerstand zu etablierenden gesetzlichen Regelungen kam der soziale Fortschritt jedoch nur sehr langsam voran. So wurde z. B. erst im Jahr 1883 eine gesetzliche Krankenversicherung für Arbeiter eingeführt. Den kompletten Artikel finden Sie auf unserer hier